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Südsudan, sommer 2023. Meine Kollegen und ich besuchen ein Projekt in Pochalla, einer abgelegenen Provinz an der Grenze zu Äthiopien. Tearfund arbeitet hier im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In Pochalla leben etwa 60.000 Menschen. Das Gebiet ist von Sümpfen umgeben und nur zu Fuß oder über den Luftweg zu erreichen. Pochalla ist eine brutal gebeutelte Region. Als der Südsudan nach schweren Bürgerkriegen zwischen 2013 und 2018 endlich zur Ruhe kam, zogen sich die letzten Rebellen nach Pochalla zurück. Sie plünderten die Bewohner aus, brannten Hütten und Felder nieder, fielen über die Frauen her. Viele Menschen flüchteten über den weißen Nil nach Äthiopien, wo sie von Angehörigen der gleichen Stämme aufgenommen wurden. Nachdem auch die letzten Rebellen besiegt wurden, kehrten die Menschen langsam nach Pochalla zurück. Der Wiederaufbau wird seit 2020 vom BMZ unterstützt.

Das Plakat, mit dem Frauen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Alle Fotos von Uwe Heimowski, mit freundlicher Genehmigung.
Eine Frau namens Grace
In Pochalla treffen wir Grace. Grace ist 48 Jahre alt und Mutter von sechs Kindern. Sie hatte nicht die Möglichkeit eine Schule zu besuchen und kann nicht lesen und schreiben. Jahrelang wurden sie und ihre Kinder von ihrem arbeitslosen Ehemann misshandelt, wenn dieser – wieder einmal – zu viel getrunken hatte. Dann besucht eine Mitarbeiterin von Coalition for Humanity, einem lokalen Partner von Tearfund, ihre Kirche und führt mit den Frauen des Ortes eine Schulung über häusliche Gewalt durch. Auf großen Plakaten ist ein Mann abgebildet, der seine Frau schlägt, dann ein Mann, der einer Arbeit nachgeht, und schließlich eine glückliche Familie. Fast ein bisschen kitschig, denke ich, als ich die Bilder sehe. Doch für Grace sind sie ein Aha-Erlebnis. „Ich wusste nicht, dass Männer ihre Frauen nicht schlagen sollen. Das war normal für mich. Viele Männer trinken und werden gewalttätig. Fast alle Frauen erleben das, doch niemand spricht darüber. Es ist ein Tabu. Dann sah ich die Bilder, und die Frau hat erzählt, dass kein Mann das Recht hat, seine Frau und seine Kinder zu schlagen. Mein Pastor hat das Thema in seiner nächsten Predigt aufgegriffen. In der Bibel steht, sagte er, Männer sollen ihren Frauen dienen, wie Christus der Gemeinde dient – und das heißt ohne Gewalt. Das hat für mich alles verändert.“ Grace macht eine Ausbildung zum Peace Champion, einer Art Mediatorin, und führt heute selbst Schulungen für andere Frauen durch. Bemerkenswert, dass es Grace gelingt, mit Hilfe des Pastors, ihren Mann zu überzeugen, sich ebenfalls einer Gruppe anzuschließen. Dort ist das Thema „transforming masculinities“, es wird ein verändertes Bild von Männlichkeit entwickelt, gewaltfrei und verantwortungsvoll.
Gewalt ist heute kein Thema mehr in ihrer Familie. Sie haben eine kleine Existenz als Farmer aufgebaut, ihre Kinder besuchen eine Schule.
Bildung und Armut – eng miteinander verknüpft
Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil sie eindrücklich zeigt, wie eng Bildung und die Überwindung von Armut miteinander verbunden sind. Die Schulung zu häuslicher Gewalt war die Initialzündung für Grace – und hat die ganze Familie verändert. Diese Schulung war methodisch so aufgebaut, dass auch Analphabetinnen daran teilnehmen konnten. Die nächste Generation hat nun bereits Zugang zu Schulbildung. Bildung wird oft als Schlüssel zur Bekämpfung von Armut angesehen, während gleichzeitig Armut den Zugang zu Bildung erheblich einschränken kann. Diese wechselseitige Beziehung hat tiefgreifende Auswirkungen auf einzelne Menschen, familiäre und dörfliche Gemeinschaften und langfristig auf ganze Staaten.

„Cash for work“ Programm, Dorfbewohnerinnen, die einen Damm bauen und dadurch etwas Bargeld verdienen.
Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht: „Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschul-
unterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.“ (Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte).
Dennoch gibt es – gemäß den Informationen des BMZ von 2020 – weltweit etwa 763 Millionen Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können. Davon sind fast zwei Drittel Frauen. Keine Schule besuchten im Jahr 2019 etwa 64 Millionen Kinder im Grundschulalter, im unteren Sekundarschulalter 63 Millionen Heranwachsende und im oberen Sekundarschulalter 132 Millionen Jugendliche. Insgesamt haben also rund 260 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Ernüchternde Zahlen.
Wenn man bedenkt, dass Bildung ein entscheidender Faktor für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung ist, ist jedes Kind, das keine Schule besuchen kann, ein Rückschritt für die ganze Gemeinschaft. Bildung ist und bleibt eine der wichtigsten Ressourcen, Armut zu überwinden. Nicht nur in Ländern des globalen Südens gilt: Bildung eröffnet Menschen Möglichkeiten, ihre Lebensumstände zu verbessern, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und aktiv am wirtschaftlichen und sozialen Leben teilzunehmen. Eine gute Ausbildung erhöht die Chancen auf einen stabilen Arbeitsplatz und ein höheres Einkommen. Studien zeigen, dass Menschen mit höherem Bildungsniveau tendenziell besser bezahlte Jobs haben und weniger wahrscheinlich in Armut leben. Wenn Menschen zudem in „peace-building“ geschult werden, indem sie auch kritisches Denken lernen und sie Dialog-räume mit anderen Menschen und Meinungen erleben, kann Bildung auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig stärken.
Hindernisse auf dem Weg zu Bildung
Trotz der positiven Auswirkungen von Bildung auf die Armutsbekämpfung gibt es bis heute zahlreiche Hindernisse, die den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung für einkommensschwache Familien erschweren. Die Armut selbst kann sich auf verschiedene Weisen negativ auf den Bildungsweg eines Kindes auswirken:
Da sind zunächst die unmittelbaren finanziellen Barrieren. Viele Familien können sich die Kosten für Schulmaterialien, Uniformen oder sogar Schulgeld nicht leisten. In einigen Ländern sind öffentliche Schulen nicht kostenlos oder bieten nur begrenzte Ressourcen an: Die Klassen sind überfüllt, die Lehrer schlecht ausgebildet, entsprechend niedrig ist das Niveau der Bildung.

Der Autor.
Dann haben Kinder aus armen Familien oft schlechtere Gesundheitsbedingungen. Dies beeinträchtigt ihre Fähigkeit, regelmäßig zur Schule zu gehen oder sich im Unterricht zu konzentrieren. Mangelernährung ist ein häufiges Problem in einkommensschwachen Haushalten und kann die kognitive Entwicklung beeinträchtigen. Der Zugang zum Gesundheitssystem ist in vielen Ländern eingeschränkt. Arztkosten bei schweren Krankheiten führen viele Familien in eine Schuldenfalle.
Auch wenn die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen es eigentlich verbietet: In vielen Fällen müssen Kinder aus armen Familien arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Dies führt dazu, dass sie entweder gar nicht zur Schule gehen oder häufig fehlen. Mitte des 19. Jahrhunderts haben Christen darauf mit der Einführung von Sonntagsschulen reagiert. Die Kinder der Arbeiterklasse erhielten so zumindest einen minimalen, ersten Zugang zu Bildung. Auch heute sind Abend- oder Wochenendschulen in manchen Ländern eine Option. Digitale Formen des Lernens öffnen hier neue Wege.
Viele soziale Faktoren sind nach wie vor ein Hindernis beim Zugang zu Bildung: Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder sozialem Status. Mädchen beispielsweise sind in vielen Kulturen benachteiligt und haben oft weniger Zugang zu Bildungsmöglichkeiten. Das gilt besonders in Staaten, in denen religiöse Extremisten den Mädchen und Frauen das Recht verwehren, eine Schule zu besuchen. Die sogenannte Pisa-Studie ergab aber auch für ein Land wie Deutschland, dass die Bildungschancen stark vom sozialen Status abhängen und insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund deutlich benachteiligt sind.

„Farmers Group“ im Austausch über neue Anbaumethoden.
Nicht selten erschwert auch die mangelnde Infrastruktur den Zugang zu Bildung: In ländlichen Gebieten fehlt es häufig an Schulen oder angemessenen Transportmöglichkeiten. Besonders gravierend sind kriegerische Auseinandersetzungen. Schulen und Universitäten, Straßen und Brücken werden zerstört. Menschen, die in Kriegsbieten leben, sind häufig schwer traumatisiert, was massive Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit hat.
Die enge Beziehung zwischen Bildung und Armut habe ich eingangs positiv bewertet, anderseits zeigen die vielen erwähnten Hindernisse die Schattenseite: Schnell kann daraus eine Abwärtsspirale entstehen: Mangelnde Bildung führt zu geringeren Einkommensmöglichkeiten, was wiederum dazu führt, dass Familien in der Armutsfalle gefangen bleiben. Kinder aus armen Verhältnissen haben oft nicht die gleichen Chancen wie ihre wohlhabenderen Altersgenossen – sie wachsen in einem Umfeld auf, das ihnen den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung verwehrt.
Den Teufelskreis durchbrechen
Um den Teufelskreis von Bildung und Armut zu durchbrechen, sind daher umfassende politische Maßnahmen erforderlich:
Zugang zu kostenloser Grundbildung: Regierungen sollten sicherstellen, dass alle Kinder kostenlosen Zugang zu qualitativ hochwertiger Grundbildung haben. Dies umfasst nicht nur den Schulbesuch selbst, sondern auch die Bereitstellung von Schulmaterialien und -ressourcen sowie sicheren Schulwegen. Auch die Ausbildung und Bezahlung des Lehrpersonals beeinflußt wesentlich die Qualität der Bildung.
Finanzielle Unterstützung für bedürftige Familien: Stipendienprogramme oder finanzielle Anreize können Familien helfen, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Solche Programme sollten insbesondere Mädchen unterstützen, um geschlechtsspezifische Ungleichheiten abzubauen. Nicht alle Länder oder Regionen können das aus eigener Kraft finanzieren und realisieren. Viele Hilfsorganisationen setzen genau hier an, indem sie Kinderpatenschaften anbieten. Diese Modelle sind immer dann besonders erfolgreich, wenn sie dabei ganze Familien und Dorfgemeinschaften mit einbeziehen.

Grace.
Gesundheits- und Ernährungsprogramme: Um sicherzustellen, dass Kinder gesund sind und lernen können, sollten Programme zur Bekämpfung von Mangelernährung sowie Gesundheitsdienste in Schulen integriert werden. Häufig führt der Anbau von Monokulturen zu einseitiger Ernährung und damit zu gesundheitlichen Einschränkungen. Schulungen für ganze Familien, über die Grundlagen von Nährstoffen und den Anbau entsprechender Lebensmittel sind hier zentral. Regelmäßige medizinische und zahnmedizinische Untersuchungen im Vorschul- und Primarschulalter senken die Krankheitsraten der Kinder signifikant. In vielen Ländern sind Schulen auch zentrale Orte für wichtige Impfungen.
Lebenslanges, flexibles Lernen: Für Menschen, die in ihrer Kindheit keine Möglichkeit hatten, Bildung zu erleben, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, niedrigschwelligen Zugang zu Bildung zu bekommen (s. das Beispiel von Grace). Für Menschen aus einkommensschwachen Verhältnissen sollten flexible zeitliche Lernmodelle entwickelt werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Arbeit und Schule miteinander zu vereinbaren.
Gemeinschaftsengagement: Die Einbeziehung der Gemeinschaft ist entscheidend für den Erfolg von Bildungsprogrammen. Lokale Organisationen können dabei helfen, das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung zu schärfen und Barrieren abzubauen. Hier spielen vor allem Religionsgemeinschaften eine zentrale Rolle. Die große Mehrheit der Menschheit gehört einer Religion an (laut statisitka.de waren es 2023 rund 85 Prozent der Weltbevölkerung), anders als in den westlichen Ländern wächst auch das Christentum in Afrika oder Asien massiv (jeder dritte Mensch auf der Welt ist Christ, jeder vierte Muslim). Für viele Gläubige sind die religiösen Führer wichtige Autoritäten. Wenn sie für das Recht auf Bildung aller Menschen eintreten, dann hat das massiven Einfluss. Welche Rolle ein gebildeter Pastor, der sein Menschenbild an der Bibel ausrichtet, spielen kann, zeigt die Erfahrung von Grace. Auch sind die Kirchen, Moscheen, Synagogen oder Tempel oft zentral gelegen und bieten sich als Orte der Bildung und des Dialogs an.
Globale politische Maßnahmen: Die Regierungen der Welt müssen gemeinsame politische Rahmenbedingungen schaffen, um die Chancengleichheit zu fördern und Diskriminierung abzubauen – sowohl im Bildungsbereich als auch darüber hinaus. Die 17 sogenannten nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs, siehe Abb. links) der Vereinten Nationen, die 2015 in der „Agenda 2030“ verabschiedet wurden, sind ein wesentlicher Eckpfeiler einer verantwortlichen globalen Politik.
Gerade in einer Zeit, in der nationale Egoismen aufs Neue die politische Kultur bestimmen, dürfen die Stimmen derer nicht müde werden, die sich für weltweite Gerechtigkeit aussprechen. Mit den SDGs haben wir dafür ein eindrückliches Instrument, auf das sich die unterzeichnenden Staaten geeinigt und völkerrechtlich verpflichtet haben.
Eine einzige Frau repräsentiert viele andere
Zum Schluss möchte ich noch einmal zu Grace zurückkommen. Ihre Geschichte war noch nicht fertig erzählt. Vor gut einem Jahr ist Grace in den Ältestenrat ihres Stammes gewählt worden. Sie ist die erste Frau in der langen tribalen Geschichte, die das erreicht hat. Das ist nicht nur für sie selbst wichtig. Mit diesem Status erleben alle Frauen in ihrem Ort eine völlig neue Form der Repräsentanz. Grace erklärt voller Stolz: „Endlich haben die anderen Frauen eine Ansprechpartnerin und trauen sich, ihre Anliegen vorzubringen. Aber“, sie hebt den Finger und sieht uns Männer mit einem strengen Blick an, „es gibt noch sehr viel zu tun, bis die Spirale von Gewalt und Armut durchbrochen ist.“