Subtotal: $
Checkout-
Mathematik, die Schöne
-
Lernvergnügenstag
-
Rezension: Agonie des Eros
-
Rezension: Der Baron auf den Bäumen
-
Die anonyme Theologin
-
By Water
-
Früchte eines Buches
-
Schreinern mit Teens
-
Eisen schärft Eisen
-
Reden wir über Freiheit!
-
Wege der Versöhnung
-
Leserreaktionen
-
Nachtgebet
-
Wiedergeburt
-
Erziehung zur Freiheit
-
Einheit im Licht der Auferstehung
-
Dienst am Nächsten
-
Ist das Bildung oder kann das weg?
-
Grace und das neue Leben
-
Königin der Wissenschaften
-
Schule der fräsenden Philosophen
-
Forellen-Schule
-
Re-christianisierung in einer entchristianisierten Welt?
-
„Hey Respekt, hört auf den Lehrer!“

Achtsamkeit dem Kinde
Vier Denker bereiten uns auf die Begegnung mit Kindern vor.
von Eberhard Arnold, Maria Montessori, James Baldwin und Johannes Chrysostomus
Dienstag, 1. April 2025
Verfügbare Sprachen: English
Eberhard Arnold
Wer mit Kindern leben will, muss vor allem seine eigene Unfähigkeit zu dieser tieferen Gerechtigkeit erkennen. Wie schwierig und verantwortungsvoll ist die Kindererziehung für uns Menschen, die wir nicht frei von Sünde sind. Nur Weise und Heilige sind dazu fähig. Wir haben unreine Lippen; unsere Hingabe ist nicht vorbehaltlos; unsere Wahrhaftigkeit ist gebrochen. Unsre Liebe ist nicht vollkommen. Unsere Güte ist nicht absichtslos. Wir sind nicht frei von liebeswidrigem Eigenwillen und Eigentum. So ist es das Kind das uns zum Evangelium führt. Die Aufgabe, die wir dem Kind gegenüber haben, zeigt uns, dass wir zu schlecht sind, um in diesem heiligen Sinn auch nur ein einziges Kind erziehen zu können. Dieses Bewusstsein führt uns zur Gnade. Mit Kindern kann man ohne die Atmosphäre der Gnade nicht umgehen.
Nur dann kann man Kinder erziehen, nur dann kann man mit ihnen leben, wenn man wie ein Kind vor Gott steht.
„Ihr müsst wie die Kinder werden.“ Wie Kinder müsst ihr in der Gegenwart der Gnade leben. Ihr müsst staunen lernen. In dem Bewusstsein eurer eigenen Kleinheit staunt über die Größe des göttlichen Geheimnisses, das in allen Dingen und hinter allen Dingen verborgen liegt. Nur so werdet ihr beschenkt werden können. Nur so werdet ihr die Anschauung des Geheimnisses gewinnen, in der ihr euch selbst ganz vergesst und in der euch die große Sache ganz überwältigt. Nur an Menschen mit Kinderaugen könnt ihr es sehen, wie sie sich in das hineingeben können, worüber sie staunen.
Eberhard Arnold, Der Kampf um die Kindheit, 1928, Bruderhof Historical Archive, Walden, NY, USA (Plough, 2017), 13–15.

Amy Bernays, Homework before Horses, Acryl auf Leinwand, 2016.
Maria Montessori
Der Erzieher muss von einer tiefen Verehrung des Lebens beseelt sein, und er muss, durch diese Verehrung, die Entwicklung des kindlichen Lebens respektieren, während er sie mit menschlichem Interesse beobachtet. Das Kindesalter ist keine Abstraktion, es ist das Leben jedes einzelnen Kindes. Es gibt nur eine wirkliche biologische Erscheinungsform: das lebende Individuum; und auf einzelne Individuen, jedes für sich betrachtet, muss sich die Erziehung ausrichten. Erziehung ist die aktive Hilfe zur Entfaltung des Kindes.
Das Kind ist ein Körper, der wächst, und eine Seele, die sich entwickelt; diese beiden Formen, die physiologische und die psychische, haben eine ewige Quelle, das Leben selbst. Wir dürfen die geheimnisvollen Kräfte, die diesen beiden Formen des Wachsens innewohnen, weder stören noch unterdrücken, sondern müssen darauf warten, dass sich eines nach dem anderen entfaltet … Die richtige Haltung in Bezug auf die Entwicklung des Geistes sollte jener der ersten Anhänger Jesu Christi ähneln, als als sie ihn von seinem Reich sprechen hörten, das nicht von dieser Welt ist und weit größer als jedes irdische Reich, wie königlich es auch immer gedacht sein mag.
In ihrer Einfalt fragten sie ihn: „Meister, sag uns, wer der Größte im Himmelreich sein wird!“ Daraufhin streichelte Christus den Kopf eines kleinen Kindes, das mit ehrfürchtigen, staunenden Augen in sein Gesicht blickte, und antwortete: „Wer so wird wie eines dieser Kleinen, der wird der Größte im Himmelreich sein.“
Versuchen wir aber, den aufopferungsvollen Geist des Wissenschaftlers mit der ehrfürchtigen Liebe des Jüngers Christi in die Seele einzupflanzen, so werden wir den Geist des Lehrers vorbereitet haben. Von den Kindern selbst wird dieser lernen, wie er sich als Erzieher vervollkommnen kann.
Maria Montessori, The Montessori Method, trans. Anne E. George (Frederick A. Stokes Company, 1912). Übers. aus dem Engl.

Amy Bernays, Pink Run, Öl auf Leinwand, 2016.
James Baldwin
Jeder Bürger dieses Landes, der sich für mündig hält – und insbesondere diejenigen unter Ihnen, die mit den Köpfen und Herzen junger Menschen zu tun haben – muss also bereit sein, „aufs Ganze zu gehen“. Oder anders ausgedrückt: Sie müssen verstehen, dass Sie bei dem Versuch, so viele Generationen von Irrglauben und Grausamkeit zu korrigieren, nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in der Gesellschaft, auf den unglaublichsten, brutalsten und entschlossensten Widerstand stoßen werden. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen …
Wenn ein Kind geboren wird, habe ich als Elternteil die Pflicht und die hohe Aufgabe, dieses Kind zu erziehen.
Das Paradoxe an der Bildung ist, dass man mit der Entwicklung des Bewusstseins beginnt, die Gesellschaft, in der man erzogen wird, zu hinterfragen. Der Zweck der Erziehung besteht schließlich darin, in einem Menschen die Fähigkeit zu schaffen, die Welt selbst zu betrachten, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, zu sagen, dies ist schwarz oder weiß, selbst zu entscheiden, ob es einen Gott im Himmel gibt oder nicht. Fragen an das Universum zu stellen und dann zu lernen, mit diesen Fragen zu leben, ist die Art und Weise, wie er seine eigene Identität erlangt. Aber keine Gesellschaft ist wirklich bestrebt, diese Art von Menschen um sich zu haben. Was Gesellschaften im Idealfall wirklich wollen, sind Bürger, die sich einfach an die Regeln halten. Gelingt dies einer Gesellschaft, ist sie im Begriff, unterzugehen. Die Pflicht eines jeden, der sich für mündig hält, ist es, die Gesellschaft zu hinterfragen und zu versuchen, sie zu verändern und zu bekämpfen – egal, wie hoch das Risiko ist. Das ist die einzige Hoffnung, die die Gesellschaft hat. Nur so können sich Gesellschaften ändern.
James Baldwin, Auszug aus „A Talk to Teachers” von The Price of the Ticket: Collected Nonfiction 1948–1985. Erstmals publiziert in The Saturday Review (October 16, 1963). Copyright © 1963 by James Baldwin, erneuert 1991 von Gloria Baldwin Karefa-Smart. Abgedruckt mit Erlaubnis von The Permissions Company LLC im Namen der James Baldwin Estate. Alle Rechte Vorbehalten. Übersetzt aus dem Englischen

Amy Bernays, The Water Lesson, Öl auf Leinwand, 2015.
Johannes Chrysostomus
Lassen wir alles hinter der Sorge für unsere Kinder zurücktreten, indem wir sie in der Unterweisung des Herrn erziehen. Wenn wir sie von Anfang an lehren, wahre Weisheit zu lieben, werden sie größeren Wohlstand und Ruhm haben, als Reichtum ihnen geben kann. Wenn ein Kind ein Handwerk erlernt oder für einen lukrativen Beruf ausgebildet wird, ist das alles nichts im Vergleich zur Kunst der Loslösung vom Reichtum; wenn du dein Kind reich machen willst, lehre es dies. Wahrhaft reich ist derjenige, der nicht nach großen Besitztümern strebt oder sich mit Reichtum umgibt, sondern der nichts braucht. So erziehst und lehrst du dein Kind; das ist der größte Reichtum. Kümmere dich nicht darum, ihm zu einem einflussreichen Ruf weltlicher Weisheit zu verhelfen, sondern denke gründlich darüber nach, wie du ihm beibringen kannst, die vergänglichen Herrlichkeiten dieses Lebens gering zu schätzen; so wird es Ansehen und Ruhm erlangen. Ob du arm oder reich bist, du kannst dies tun; diese Lektionen lernt man nicht von einem gewandten Professor, sondern durch göttliche Offenbarung.
Fragt nicht, wie es ein langes Leben hier genießen kann, sondern wie es ein unendliches und ewiges Leben in der kommenden Welt genießen kann. Gib ihm die großen Dinge, nicht die kleinen Dinge. Strebe nicht danach, ihn zu einem klugen Redner zu machen, sondern lehre ihn, die wahre Weisheit zu lieben. Er wird nicht leiden, wenn es ihm an klugen Worten fehlt; aber wenn es ihm an Weisheit mangelt, kann ihm alle Rhetorik der Welt nicht helfen. Was wir brauchen, ist ein Lebensmuster, nicht leere Reden; Charakter, nicht Klugheit; Taten, nicht Worte. Diese Dinge werden das Königreich sichern und den Segen Gottes bescheren. Schärfe nicht seine Zunge, sondern reinige seine Seele. Ich will damit nicht sagen, dass weltliches Lernen wertlos ist und ignoriert werden sollte, aber es sollte nicht eine ausschließliche Beschäftigung sein.
Hl. Johnnes Chrysostomus, „Admonitions for Parents,” Original übers. v. The Path to Salvation, von Hl. Theophan the Recluse (Saint Paisius Monastery, 2006), 333–334. Übers. aus dem Englischen.

Amy Bernays, Garden Games, Öl auf Leinwand, 2014.