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    Mathematik, die Schöne

    Mathematik kann mehr sein als nur ein stures Lösen von Gleichungen.

    von Frederick K. S. Leung

    Dienstag, 1. April 2025

    Verfügbare Sprachen: español, English

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    Frederick K. S. Leung spricht mit Plough-Redakteurin Joy Clarkson über Mathematikunterricht und die Verbindungen des Fachs zu Natur, Wahrheit und Schönheit.

    Plough: Sie haben die ganze Welt bereist, um zu untersuchen, wie Mathematik unterrichtet wird. Welchen Einfluss hat die Kultur darauf, wie Mathematik gelehrt und gelernt wird? Was beeinflusst den Erfolg?

    Frederick K. S. Leung: Viele denken, Mathematik sei von der Kultur unabhängig und ein Kind lerne sie nur dann gut, wenn der Unterricht stimmt und es dafür begabt ist. Seit den späten 1980er Jahren rücken jedoch die soziokulturellen Einflüsse auf das Lehren und Lernen der Mathematik zunehmend in den Fokus. Einige Experten sprechen von einer soziokulturellen Wende im Mathematikunterricht. Mitte der 1990er Jahre erlangten mehrere internationale Studien über Schülerleistungen große Beachtung bei Bildungsexperten, Politik und Öffentlichkeit. Überraschenderweise zeigten die Studien: Schüler aus gewissen ostasiatischen Ländern und Bildungssystemen schnitten in Mathematik durchgängig hervorragend ab. Dazu gehörten unter anderem Singapur, Südkorea, Japan, Taiwan und Hongkong – Länder, die das sogenannte konfuzianische Kulturerbe teilen.

    Mit meinem Hintergrund – in chinesischer Kultur aufgewachsen, aber westlich ausgebildet – begann ich, mathematische Bildung aus konfuzianischer Perspektive zu betrachten. Meine Forschung zeigte: Konfuzianische Werte beeinflussen den Mathematikunterricht und seine Ergebnisse. Dazu gehören das Gemeinschaftsdenken statt westlichem Individualismus, der hohe Stellenwert von Bildung, der Umgang mit Erfolg und Misserfolg, die Bedeutung von Fleiß und Auswendiglernen sowie die Verehrung des Lehrers als Gelehrten.

    So führte ich zum Beispiel in einem meiner Forschungsprojekte Unterrichtsbeobachtungen in London und Peking durch und sprach anschließend mit Lehrkräften und Eltern. In Gesprächen mit Londoner Eltern über die mathematischen Schwierigkeiten ihrer Kinder hörte ich oft: „Für Mathe hat mein Kind einfach keine Begabung – in anderen Fächern klappt es ja gut.“ Pekinger Eltern hingegen meinten oft, ihre Kinder seien einfach zu faul – mit mehr Anstrengung würden sie auch in Mathematik bessere Noten bekommen. Diese gegensätzlichen Erklärungsmuster für mathematische Erfolge und Misserfolge finde ich bemerkenswert.

    Rafael Araujo, Nautilus

    Rafael Araujo, Nautilus, Tinte und Acryl auf Leinwand, 2011. Grafik von Rafael Araujo. Verwendet mit Genehmigung.

    Die kulturellen Unterschiede spiegeln sich auch in der Lernmotivation wider: Meine Forschung zeigte, dass westliche Schüler Mathematik oft aus eigenem Interesse lernten (intrinsische Motivation). Schüler aus dem konfuzianischen Kulturkreis dagegen arbeiteten vor allem für gute Noten, um den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden und der Familie Ehre zu machen (extrinsische Motivation). Sowohl Eigenantrieb als auch äußere Anreize tragen zum Lernerfolg bei, und Lehrer können diese Motivationsquellen besser nutzen, wenn sie die kulturellen Unterschiede verstehen.

    Warum brauchen wir Mathematikunterricht? Wie würden Sie mit einem unmotivierten Schüler umgehen?

    Oft wird der praktische Nutzen der Mathematik betont – sie sei vor allem ein nützliches Fach. Doch mal ehrlich: Das meiste, was wir im Mathematikunterricht gelernt haben, brauchen wir nie – wann mussten Sie zum letzten Mal eine quadratische Gleichung lösen? Bestimmt haben auch Sie in der Schule das Lösen quadratischer Gleichungen gelernt – aber können Sie sich überhaupt noch daran erinnern? Und selbst wenn: Wozu sollte das gut sein, wenn Sie im echten Leben nie eine quadratische Gleichung lösen müssen?

    Der wahre Wert der Mathematik liegt für mich nicht in ihrer praktischen Anwendbarkeit. Vielmehr lehrt sie uns, neugierig zu sein und systematisch, klar, präzise, logisch und kritisch zu denken. Gerade heute, in Zeiten von Desinformation und Fake News, ist diese Fähigkeit wichtiger denn je. Diese Fähigkeit, Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden, gehört zu einem erfüllten Leben. In der Mathematik geht es darum, die Wahrheit zu suchen und dabei gewissenhaft und wahrhaftig zu sein. Dafür müssen Lehrkräfte den Mathematikunterricht so gestalten, dass er diese Eigenschaften ausbildet – und nicht nur Formeln und Fakten einpauken. Das Wesentliche an der Mathematik ist nicht der Stoff – wie Algebra oder Geometrie –, sondern der Prozess, der diese Eigenschaften fördert. Gerade deshalb sehe ich in der Mathematik – neben dem Sprachunterricht – das wichtigste Fach unseres Bildungssystems.

    Wenn Sie diese Haltung bei Schülerinnen und Schülern fördern wollen, dann regen Sie sie dazu an, mathematische Muster in ihrer Umgebung zu entdecken. Die Mathematik ist überall: in der Natur und in allem, was wir Menschen geschaffen haben. Achten Sie auf geometrische Schönheit, auf Regelmäßigkeiten, auf wiederkehrende Formen und Zahlen. Spielen Sie gemeinsam Spiele, die mathematisches und logisches Denken fördern. Fördern Sie den Forschergeist der Kinder: Wo können sie solche Muster finden? Wie entstehen sie? Zeigen Sie ihnen, dass Mathematik nicht nur aus dem Lehrbuch kommt. Vielleicht entwickelt sich daraus eine echte Liebe zur Mathematik – sogar zu der aus dem Lehrbuch!

    Welchen Einfluss hatte Ihre Beschäftigung mit der Mathematikdidaktik auf Ihr Leben?

    Als Mathematiklehrer versuche ich immer auch, ein guter Matheschüler zu bleiben. In der Mathematik, das habe ich gelernt, geht es um die Wahrheit – sie zu suchen und ihr treu zu bleiben. Die Mathematik hat meine Lebensführung und meine Suche nach der Wahrheit geprägt. Wenn ich Entscheidungen treffe, bemühe ich mich um Objektivität: Ich lasse mich nicht von Gefühlen und persönlichen Neigungen leiten, sondern prüfe kritisch meine Annahmen und möglichen Voreingenommenheiten. Die Suche nach mathematischer Wahrheit ist zugleich eine Annäherung an die Wahrheit der Natur – und damit auch an die göttliche Wahrheit. Von der Mathematik habe ich gelernt, mich der Wahrheit mit Sorgfalt und Aufrichtigkeit zu nähern – und mit einer tiefen Ehrfurcht. Mit wachsender Liebe zur Mathematik erschloss sich mir auch ihre Schönheit.

    Das Kirchenlied „For the Beauty of the Earth“ erinnert uns daran: Es geht im Leben nicht nur um mathematische Leistungen – es geht um die Schönheit, die sich auf der Erde und am Himmel zeigt. Im Leben geht es auch um unsere Beziehungen zueinander – um Freundlichkeit und unsere Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Es geht um die Liebe zwischen Menschen und die Liebe, die uns von Geburt an umgibt und trägt. Durch die Mathematik habe ich gelernt, die Wahrheit und Schönheit wahrzunehmen, die überall in der Schöpfung verborgen liegt. Wie Augustinus sagt: „Betrachte den Himmel, die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist. . . . Sie haben Formen, weil sie Zahlen haben. Nimm Letztere von ihnen weg, und sie werden nichts sein. Was ist dann die Quelle ihrer Existenz, wenn nicht die Quelle der Existenz der Zahlen? Schließlich haben sie Sein genau in dem Maße, in dem sie von Zahlen erfüllt sind.“

    Von Frederick K S Leung Frederick K. S. Leung

    Frederick K. S. Leung ist emeritierter Professor an der Universität von Hongkong und Präsident der International Commission on Mathematical Instruction.

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