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    Lernvergnügenstag

    Einmal im Jahr darf ich meine Schüler inspirieren.

    von Patrick Tomassi

    Dienstag, 1. April 2025

    Verfügbare Sprachen: español, English

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    Als meine schüler vor einigen Jahren an einem Frühlingstag in die Schule kamen und im Mehrzweckraum eine große Holzkonstruktion vorfanden, wussten sie, dass etwas im Gange war. Bald ertönten die ersten Rufe: „Es ist Lernvergnügenstag!“ Ich hatte einen Großteil des Wochenendes in der Schule verbracht, um diese seltsame Kreation zu bauen. 

    Arches in the Sagrada Família, Barcelona, Spain

    Bögen in der Sagrada Família, Barcelona, Spanien. Foto von ronnybas / Alamy Stock Photo. Verwendet mit Genehmigung.

    Die Schüler hatten zwar keine Ahnung, wozu das geheimnisvolle Bauwerk diente, aber sie hatten Recht: Heute war der mit Spannung erwartete „Lernvergnügenstag“, eine jährliche Tradition an der Trinity Academy in Portland, der kleinen christlichen Schule, an der ich unterrichte. Monatelang hatte sich das Lehrerteam im Geheimen vorbereitet und Präsentationen und Aktivitäten zusammengestellt, um Themen zu erforschen, die sie faszinierten – über das Sezieren von Tintenfischen bis zu den Schriftrollen vom Toten Meer, von syrischen Gesängen bis zu den Werken Antoni Gaudís. Gaudí steckte übrigens auch hinter meinem geheimnisvollen Bauwerk.

    Acht Jahre zuvor befand ich mich als frisch gebackener Maschinenbauingenieur in einer beruflichen Krise. So flog ich nach Spanien, um den Jakobsweg zu gehen, eine 800 km lange Pilgerreise zum Grab des Apostels Jakobus der Ältere in Santiago de Compostela. Davor fuhr ich nach Barcelona, um die Sagrada Família zu besichtigen, Antoni Gaudís unvollendetes Meisterwerk. Als ich im Kirchenschiff stand und die verzweigten weißen Säulen und die walddachähnliche Decke bestaunte, durchfuhr mich ein Gedanke: In fünf Jahren Ingenieurstudium hatte ich mich noch nie so sehr für Technik und Physik interessiert wie in diesem Moment. Wie ist er nur auf so etwas gekommen? Und warum?

    Im Museum unter der Kathedrale sah ich etwas, das mich nicht mehr los ließ: die kunstvollen, auf dem Kopf stehenden Hängemodelle, die Gaudí für den Entwurf der oberen Kathedrale verwendet hatte. Der Architekt hatte die antike Idee der Kettenlinie – eine hängende Kette, die umgedreht die ideale Form für einen Steinbogen ergibt – aufgegriffen und erweitert, indem er die Kette durch beschwerte Schnüre ersetzte, Gewichte hinzufügte, um Türme darzustellen, und die Ketten aneinander hängte.

    The author’s students practice using the catenary for architectural design.

    Schüler konstruieren architektonische Entwürfe mit Hilfe des Hängemodells. Foto von Patrick Tomassi. Verwendet mit Genehmigung.

    Das Prinzip der Kettenlinie besagt, dass eine Kette unter dem Einfluß der Schwerkraft immer eine Kurve bildet, in der die Zugkräfte auf die Glieder ausgeglichen sind – jedes Glied stützt die darunter liegenden Glieder perfekt ab und überträgt Kraft auf die darüber liegenden. Bei einem Steinbogen wird die Kurve umgedreht, die Zugkräfte werden zu Druckkräften, aber die ideale Form bleibt gleich.

    Gaudís Hängemodell konnte für die Konstruktion komplexerer Strukturen verwendet werden. Es ermöglichte ihm, schwierige Berechnungen zu umgehen und Bauwerke zu errichten, die sich niemand vor ihm vorstellen konnte. Das war schon immer Gaudís Methode: Schau dir die Natur genau an und lass dich von ihr belehren. „Nichts ist erfunden“, sagte er, „denn es steht zuerst in der Natur geschrieben“. Seine Entwürfe von Dächern und Entwässerungssystemen, Bögen und Gewölben, Türmen und Säulen spiegeln alle dieses Staunen über die Natur und die Einsicht in ihre wunderbare Gestaltung wider.

    Als ich in den nächsten Wochen auf dem Camino wanderte, wurde mir klar, wie tief mich die Sagrada Família berührt hatte. Mein Tagebuch und mein Fotoalbum sind voller Skizzen und Fotos von Pflanzen – hauptsächlich Disteln und Wildblumen – und steinernen Gebäuden. Durch Gaudí hatte ich begonnen, die Welt um mich herum mit neuen Augen zu sehen.

    Zwei Wochen nach Beginn meiner Pilgerreise erhielt ich eine E-Mail vom Direktor der kleinen christlichen Schule, die meine jüngere Schwester besuchte. Er fragte mich, ob ich Interesse daran hätte, Mathematik und Naturwissenschaften zu unterrichten. Die E-Mail enthielt einen Anhang über die Philosophie der Schule. Sie begann mit einem Zitat von Sokrates: „Weisheit beginnt mit Staunen“, und weiter hieß es, dass die Hauptaufgabe eines Lehrers darin besteht, bei den Schülern einen Sinn für das Staunen zu wecken. Meine Gedanken wanderten zurück zum Kirchenschiff der Sagrada Família. Könnte es beim Unterrichten darum gehen, die Erfahrung des Staunens zu vermitteln, die ich dort gemacht hatte? Am Morgen nach meiner Rückkehr hatte ich ein Vorstellungsgespräch für die Stelle und bereits eine Woche später begann ich zu unterrichten. Mein Plan war, es für ein Jahr auszuprobieren. Heute arbeite ich noch immer als Lehrer.

    The author gives an architectural engineering demonstration to his students.

    Der Autor gibt seinen Schülern eine Einführung in die Architekturtechnik. Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von Patrick Tomassi zur Verfügung gestellt.

    Alles, was wir im Klassenzimmer tun, ist davon geprägt, dass wir das Staunen in den Vordergrund stellen. Wir versuchen, in jedem unserer Schüler den Samen des Staunens zu kultivieren, der in der Bildung so oft unterdrückt wird, und ihm zu helfen, zu einer reifen Pflanze heranzuwachsen. Dies können nur Lehrkräften tun, deren eigener Sinn für das Staunen gereift ist und die von der Liebe zum Lernen erfüllt sind und das auch vorleben. In gewissem Sinne muss der Lehrer für die Schüler das tun, was Gaudí für mich getan hat: die Welt mit neuen Augen sehen und den Schülern helfen das gleiche zu tun. Deshalb haben wir vor einigen Jahren den Lernvergnügenstag eingeführt. Die Schüler kommen und denken, es sei ein normaler Schultag. Beim Morgengebet verkünden wir überraschend, dass der normale Unterricht ausfällt. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, bekommen die Schüler Broschüren, in denen die Aktivitäten beschrieben werden, die ihre Lehrer vorbereitet haben. Die Schüler können sich für die Veranstaltungen anmelden, die sie am meisten interessieren. Die Lehrer bieten Kurse an, die sie selbst interessieren, unabhängig davon, ob diese einen direkten Bezug zum Unterricht haben oder nicht. Im Laufe der Jahre hatten wir Kurse zu Themen wie Pizzabacken, Einlegen von Gurken, Blackout-Poesie, Linolschnitt, Tanz und Stadtplanung.

    Seit meinem Besuch in der Sagrada Família wollte ich Gaudís Konzept der Kettenlinie selbst ausprobieren und es meinen Schülern zeigen. Also entwickelte ich für den Lernvergnügungstag ein Projekt dazu. Nach einer kurzen Präsentation über Gaudí und seinen Ansatz standen wir unter der von mir gebauten Konstruktion und befestigten Ketten und Schnüre daran. Wir entwarfen Bögen und Gewölbe und sahen, wie sich ihre Formen veränderten, je mehr Ketten angebracht wurden. Gelegentlich machte ich ein Foto und drehte es um, damit die Schüler sehen konnten, wie das Bauwerk aussehen würde, wenn es gebaut wäre. Es war unmöglich, mit den Fragen und Erkenntnissen der Schüler Schritt zu halten. Schon bald baten sie mich, die Konstruktion ein paar Tage lang stehen zu lassen, um diese im Unterricht zu verwenden, wozu ich gerne bereit war.

    Die Schüler freuen sich das ganze Schuljahr über auf den Lernvergnügenstag (und versuchen herauszufinden, wann er stattfinden wird). Und wenn man ehemalige Schüler nach ihren schönsten Erlebnissen an der Schule fragt, ist der Lernvergnügenstag oft das erste, was sie nennen. Ich würde gerne wissen, ob sie das eigentliche Geheimnis des Lernvergnügenstags verstehen: Es ist egal, ob sie den Linolschnitt oder auf dem Kopf stehende Architektur beherrschen; indem sie an Aktivitäten teilhaben, die uns Lehrer selbst faszinieren, wollen wir ihr eigenes Staunen und ihre Liebe zum Lernen vertiefen – eine Erfahrung, die sie noch lange nach dem Ende des Unterrichts prägen wird.

    Von PatrickTomassi Patrick Tomassi

    Patrick Tomassi ist Lehrer uns Schriftsteller in Portland, Oregon. Er hilft bei der Organisation des jährlichen New York Encounter und ist Redakteur beim Veritas Journal.

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