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    Empfehlungen der Redaktion: Der Baron auf den Bäumen

    von Hendrikje Machate

    Dienstag, 1. April 2025
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    Der Baron auf den Bäumen | Roman | Italo Calvino | (Büchergilde Gutenberg, 312 Seiten)

    Mit Der Baron auf den Bäumen hat Italo Calvino ein Meisterwerk der modernen Literatur geschaffen, das Fantasie und Philosophie auf unvergleichliche Weise verwebt. In der Geschichte des jungen Adligen Cosimo Piovasco di Rondò, der sich eines Tages in die Baumkronen zurückzieht und nie wieder festen Boden betritt, entfaltet sich eine Reflexion über Freiheit, Autonomie, Individualismus und die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Calvino entwirft eine literarische Utopie, die zugleich verspielt und tiefgründig ist, poetisch und doch von scharfsinniger Gesellschaftskritik durchzogen.

    Im Jahr 1767, im Alter von zwölf Jahren, erklimmt Cosimo einen Baum, vordergründig weil er keine Schnecken essen mag – ein kindlicher Akt der Rebellion gegen die strengen Konventionen seines adligen Elternhauses. Doch was als Trotz beginnt, wird quasi simultan zur Lebensentscheidung. Cosimo bleibt in den Baumwipfeln, baut sich eine Existenz in den Kronen der Natur auf und entwickelt eine eigene Perspektive auf die Welt, die ihm in ihrer vorgefassten Starrheit und Regelhaftigkeit nicht entspricht.

    Cosimos Leben hoch über der Erde ist kein bloßer Eskapismus, sondern eine radikale und lebbar erscheinende Alternative zu der Gesellschaft, die ihn umgibt. Er lebt in der Natur, aber er zieht sich nicht wie ein Einsiedler aus der Menschenwelt zurück – im Gegenteil: Er bildet sich durch umfangreiche Lektüre selbst weiter, diskutiert mit Philosophen, verliebt sich und erlebt Abenteuer. Er greift teils in erheblicher Weise in das Leben seiner Mitmenschen ein und nimmt indirekt an historischen Ereignissen teil. Einen Banditen verführt er zum Beispiel zum exzessiven Lesen von Romanen und läutert so dessen rauhe Natur.

    Calvinos Sprache ist von einer schwebenden Eleganz, die sich jeder Einordnung entzieht. Sein Stil verbindet märchenhafte Elemente mit einem oft ironischen Blick auf die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Die Bäume werden zur Metapher für geistige Autonomie und eine Lebensweise, die sich den Zwängen von Macht, Konvention und reinem Nützlichkeitsdenken entzieht. Doch Cosimos Idealismus ist nicht frei von Widersprüchen. Seine Weigerung, auf die Erde zurückzukehren, ist auch ein Zeichen der Entfremdung, eine Weigerung, sich den Unzulänglichkeiten der menschlichen Gemeinschaft zu beugen. Dieses Buch fordert die Lesenden heraus, ihre eigene Haltung zur Welt zu hinterfragen. Cosimo verkörpert die Sehnsucht nach Unabhängigkeit, die zugleich faszinierend und melancholisch ist. Doch ist völlige Autonomie wirklich erstrebenswert? Kann ein Leben, das sich von der Gemeinschaft distanziert, letztlich erfüllend sein? Calvino stellt diese Fragen in einer Erzählung, die voller Leichtigkeit und zugleich von tief anrührender existenzieller Tragik durchzogen ist. Wer dieses Buch liest, wird nicht nur eine der originellsten und anziehendsten Figuren der Weltliteratur kennenlernen, sondern auch eine Erzählweise, die mit spielerischer Raffinesse große philosophische Themen verhandelt.

    Der Baron auf den Bäumen ist eine Feier der Freiheit – und eine Reflexion über ihre Grenzen. Ans Herz gelegt sei besonders die aktuelle illustrierte Ausgabe des 1957 erschienenen Romans in der Büchergilde Gutenberg. Die traumhaften Bilder des jungen Illustrators Gianluca Scigliano unterstreichen die zauberhafte Stimmung des Romans und machen ihn so neu für den heutigen Leser zugänglich.

    Von Hendrikje Margareta Machate Hendrikje Machate

    Hendrikje Margareta Machate studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte.

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